In Heimaterde erkundet Lucas Vogelsang (2017) Migrantengeschichten ausgehend aus Berlin-Wedding, wo er vielleicht extra deswegen hingezogen ist. Die Geschichte beginnt mit Bewohnern wie Fikret, Diana und ihrem Sohn Can. Er ist eingewanderter Moslem, sie kommt aus Dänemark. Es wird nicht ganz klar, ob sie für ihn konvertiert ist. Solch gemischte Familien gibt es auf jeden Fall auch.

Als in Dänemark 2005 die Mohammed-Karikaturen der Jyllands-Posten veröffentlicht wurden, hat sie das in ihrem Glauben verletzt. Als dann die dänischen Flaggen brannten, hat sie für ihre Heimat gebetet.

Nicht alle Lebensgeschichten lassen sich in rein deutsch, rein Zuwanderer oder christlich/jüdisch oder atheistisch einteilen.

Es werden vorbildliche Migranten vorgestellt wie Ismail Öner, der für sein Fußball-Integrationsprojekt Preise erhält. Oder Raed Saleh, der sich als Berliner SPD-Politiker um Integration bemüht. Für ihn stimmt erst seit Gerhard Schröder der Satz Deutschland ist ein Einwanderungsland. Um in Deutschland anzukommen sind für Moslems unter anderem Friedhöfe wichtig, die eine Beerdigung mit Ausrichtung nach Mekka erlauben.

Im Wedding werden auch Idole geboren wie die Brüder Boateng, von denen zwei internationale Stars geworden sind und deren großer Bruder George Boateng von den Erfahrungen im Wedding rappt. Es zu schaffen oder es nur zu wollen ist ein immer wiederkehrendes Thema. Auch bei Yasin el Harrouk, der schauspielert und auf deutsch und arabisch singt, in Deutschland Erfolg hat, Gefühle aber eher auf arabisch transportieren kann. Der bei Sammy Delux’ MiMiMi sagt, die Gedanken und Erfahrungen des Lieds könnten direkt aus seinem Kopf kommen.

Nicht nur Geschichten Berliner Migranten werden vorgestellt, sondern auch Leute wie Kai Eickermann aus der niedersächsischen Provinz, der bei seinem Stiefvater in Ghana aufgewachsen ist. Der früher erfolgreiche Breakdancer arbeitet heute als Entertainer. Trotz seiner weißen Hautfarbe fühlt er sich eher der ghanaischen Kultur verbunden als sein dunkelhäutiger Halbbruder Ericson Ecke, der eher klassische deutsche Tugenden aufweist und ihn in seinem zu Hause besucht.

Aber auch andersherum werden erfolgreiche Einwanderer vorgestellt, die einer weiteren Zuwanderung skeptisch gegenüber stehen. Zum Beispiel der Spätaussiedler Waldemar Birkle, der in Pforzheim Rekordergebnisse für die AfD holt.

If a black man is racist, is it okay
If it’s the white man’s racism that made him that way
Because the bully’s the victim they say
By some sense they’re all the same

‘Cause the line between wrong and right
Is the width of a thread from a spider’s web
The piano keys are black and white
But they sound like a million colors in your mind

— Katie Melua
Spider's Web

Und da sind Jesiden, die dem Islamismus glücklich entkommen sind, und jetzt die Einwanderung muslimischer Menschen kritisch sehen. Natürlich gibt es viele Vorurteile auch unter Muslimen, von Türken, die Kurden als Abschaum betrachten, von christlichen Einwanderern, die Moslems gegenüber reserviert sind und Deutschen, die Einwanderer generell kritisch gegenüber stehen. Einwanderung ist aber real für einen großen Teil der Bevölkerung. Ihnen das Streben nach Glück aufgrund ihres Lebensweges zu verwehren, ist eine riesen Ungerechtigkeit. Kultur ist nicht schwarz oder weiß, sondern unterschiedliche Lebenswege erzeugen die Millionen Farben, die das Leben reicher machen. Das heißt aber nicht, dass Konflikte totgeschwiegen werden sollten.

Abschließend wird jemand vorgestellt, der Deutschland den Rücken gekehrt hat und von außen zurück schaut. Volker Grellmann ist in Namibia als Großwildjäger zur Legende geworden. Er hat sich in eine andere Kultur integriert und blickt mit Distanz zurück auf Deutschland.

Literatur


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Vogelsang, L. (2017). Heimaterde. Aufbau Verlag.