Brené Brown (2013) vertritt die These, Verletzlichkeit zu zeigen, sei keine Schwäche sondern ein Zeichen von Stärke, das es ermöglicht ein Leben aus vollem Herzen zu leben. Die Ideen beruhen auf ihrem TED-Vortrag Die Macht der Verletzlichkeit, mit dem sie bekannt geworden ist. Das Buch ist ein Plädoyer, seine Schwächen akzeptieren und lieben zu lernen. Ich musste beim Lesen an Glorious You von Frank Turner denken. Jeder kennt die Momente nicht gut genug zu sein.
From the moment the phone alarm
Breaks the morning in two
To the moment you close your bedroom door and all that’s left is you
There are a thousand auditions
You didn’t quite get through
So many masks to wear, so much weight to bear
but you were only ever you
You were glorious you, you were glorious\
Später wird dann klar, dass Menschen trotz ihrer Schwächen glorious sind.
With your mixed-up metaphors, your messed-up makeup
You’re glorious you
With your tongue-tied tragedy, and too-small T-shirts
Glorious you\
Vielen Menschen gelingt es nicht, Verletzlichkeit zuzulassen, da sie sich für Dinge schämen. Der Grund für den Scham ist ein gewisser Mangel. Worin genau dieser Mangel liegt, ist mir noch nicht ganz klar. Es wird verwiesen auf die Finanzkrise, den internationalen Terrorismus und verschiedene andere Krisen zum Anfang des 21. Jahrhunderts. Aber hat es solche Krisen nicht immer gegeben? Überzeugend wird nicht dargelegt, worin der angebliche Mangel in unserer aktuellen Gesellschaft liegen soll. Jedenfalls gibt es ein Gefühl des Nie genug sein, was ich schon irgendwie nachvollziehen kann. Aber warum?
Tiefer behandelt wird die geschlechterspezifische Art der Scham. Nach Daten aus geführten Interviews der Autorin schämen sich Frauen immer noch in erster Linie für ihr Aussehen, dicht gefolgt von der Art und Weise wie sie ihre Rolle als Mutter ausfüllen. Männer dagegen schämen sich noch immer dafür, nicht stark genug zu sein und ihrer Rolle als Versorger in der Familie nicht nachzukommen. Alte Rollenmuster sind immer noch in unserem Denken stark verankert, allerdings anders als von Feministen dargestellt. Die weibliche Rolle als gut aussehende Püppchen ist auch in Frauen vorhanden, die sich nach einem starken Mann sehnen. Und auch Männer, die nicht dem Macho-Ideal entsprechen, schämen sich für ihre zu weiche Art.
Nach Meinung der Autorin ist Scham ein rein negatives Gefühl, da sie zu Aggressionen, Suchtkrankheiten und anderen Dingen beiträgt. Diese Aussage kann ich schwer nachvollziehen, da auch dieses Gefühl sicherlich eine evolutionäre Berechtigung hat. Ich kann nicht so recht glauben, dass ein Gefühl, komplett negativ sein soll. Oder soll man sich jetzt schämen, Scham zu empfinden? Problematisch wird es doch erst, wenn man sich für Dinge schämt, die eigentlich keiner Scham bedürfen. Und wenn man daher Dinge nicht macht, die man eigentlich gerne gemacht hätte.
Vermutlich alle Menschen bedienen sich verschiedener Muster, ihre Scham zu überspielen. Verhaltensmuster wie Perfektionismus, das Einteilen von Menschen in Täter oder Opfer oder seiner Freude nicht trauen zu können, dienen dazu, Unsicherheit zu überspielen. Ich habe mich bei der Strategie Zickzackkurs ertappt gefühlt. Wie oft gehe ich vor einem unangenehmen Telefonat alle Einzelheiten durch, stelle mir vor was die kritischen Punkte sind, die im Gespräch meistens dann doch nicht angesprochen werden. Allerdings kann ich nicht sagen, dass ich diese Strategie uneingeschränkt schlecht finde. Ist besser übervorbereitet zu sein, als gar nicht vorbereitet.
Scham wird als Machtinstrument in allen kulturellen Kreisen, sei es in Firmen, in Sportvereinen oder in der Familie angewendet. Im beruflichen Umfeld ist Scham ein Hemmschuh für Innovation, da Mitarbeiter sich nicht trauen, ihre besten Ideen einzubringen und umzusetzen. Das gilt sicherlich für kreative Berufe, aber wie sieht es z.B. aus, wenn ich im Akkord arbeite. Da sollte ich mich schämen, wenn ich die Anzahl von Saatleitungsrohren nicht montiert bekomme. Oder ich gehe mit weniger Geld nach Hause. Spielt Scham auch eine negative Rolle bei Reinigungskräften, die einfach eine gewisse Zahl von Zimmern sauber machen muss?
Strategien, die innovatives Arbeiten fördern sollen, dürfen sich nicht der Scham als Mittel bedienen. Bei der Wahl der Strategie muss auch immer beachtet werden, ob sie der gelebten Kultur in einem Unternehmen, in einem Sportverein oder in einer Familie entspricht. Kinder werden schwer lernen, ehrlich zu sein, wenn die Eltern nicht abgerechnete Wasserflaschen an der Supermarktkette nicht nachträglich bezahlen.
Viele Beispiele stammen aus dem familiären Umfeld, dass eine Erziehung ohne Scham und mit dem Vorleben von Verletzlichkeit, die beste Methode ist, Menschen zu führen.
Wenn wir die Verletzlichkeit aus unserem Leben zu verdrängen trachten, verdrehen wir die Erziehung zu einem Wettbewerb, bei dem es nur noch um den größtmöglichen Erwerb von Wissen, um Rechtfertigungen, alle möglichen Aktivitäten und den Vergleich mit anderen geht statt darum, einfach Mensch zu sein. Lassen wir die ewige Fragerei, wer denn der Bessere sei, einmal außer Acht, und legen wir die Messlatten von Schulabschluss, Zensuren, Sport, Trophäen und Leistungen zur Seite, wird mir die große Mehrheit der Eltern, wie ich glaube, zustimmen, dass wir uns für unsere Kinder das wünschen, was wir für uns selbst wünschen – wir wollen Kinder aufziehen, die von ganzem Herzen leben und lieben.
Ohne das jemals aus dem Blickwinkel der Scham gesehen zu haben, ist das eigentlich das Ziel, wie ich versuche unsere Kinder groß zu ziehen. Niemand kann in allem der Beste sein. Es geht vielmehr darum, seine eigenen Stärken zu finden, um diese später nutzen zu können. Darüberhinaus wird betont, dass Kinder am besten lernen mit den Aufgaben im Leben zurecht zu kommen, wenn sie schwierige Situationen selber bewältigen müssen und die Helikopter-Mutter ihnen nicht alles abnimmt.
Literatur
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