Anders als im Geschichtsunterricht erklärt Yuval Noah Harari (2013) die großen Zusammenhänge der gesamten Menschheitsgeschichte. Der Schmierstoff der Geschichte sind Erzählungen, die Menschen sich gegenseitig weitergeben und an die sie gegenseitig glauben. Er spricht von einer intersubjektiven Ordnung. Diese ermöglicht Kooperation auf Basis von gleichen Werten und Regeln. Erfundene Geschichten spiegeln sich wieder in Religionen, die die Herrschaft eines von Gott gesandten Königs rechtfertigen. Aber auch moderne Mythen wie Geld, Menschenrechte oder Aktiengesellschaften sind nichts anderes als Dinge, die nur im menschlichen Geist existieren und so Regeln des Zusammenlebens definieren. Kooperation in größeren Organisationen wird erst durch die Regeln, die diese Mythen erfinden, ermöglicht.
Die Menschheitsgeschichte wird anhand von vier großen Umbrüche beschrieben. Der erste Umbruch ist die Kognitive Revolution, nach der sich erstmals Malereien und Skulpturen finden lassen. Bis zu diesem Moment unterscheidet sich der Homo Sapiens nicht sonderlich von der Tierwelt und er konkurriert noch einige Jahrzehntausende mit anderen Menschenarten, bevor er diese verdrängte.
Early man walked away as modern man took control
Their minds weren’t all the same, to conquer was his goal
— Bad Religion
We’re Only Gonna Die
Der Auslöser für die Kognitive Revolution kann nicht alleine die Sprache gewesen sein, da auch andere Tiere untereinander kommunizieren. Erst nach der Kognitiven Revolution gelang es dem Menschen Eurasien und Afrika zu verlassen. Bereits vor 45.000 Jahren erreichten Menschen Australien über den Seeweg. Dabei fällt es schwer zu erklären, wie sie die gewaltigen Meereswege zurück gelegt haben. Aber sie müssen sich auf dem Wasser so gut ausgekannt haben, dass sie schließlich dort angekommen sind. Speziell für die großen Tierarten war die Ankunft des Menschen allerdings eher eine Sintflut. Wo immer der Mensch auftauchte, starb zeitgleich ein großer Teil der Großtiere aus, die vom Menschen gejagt wurden. Nur in Afrika entwickelte sich zeitgleich mit den Homo Sapiens auch eine Scheu großer Tiere gegenüber dem Menschen, die viele von ihnen vor dem Aussterben bewahrt hat.
Zu Beginn der kognitiven Revolution lebten auf dem gesamten Planeten rund 200 Säugetiergattungen, deren Angehörige über 50 Kilogramm wogen. Zu Beginn der landwirtschaftlichen Revolution waren es nur noch etwa 100.
Der Mensch hat also schon lange vor unserer modernen Zeit die Natur nachhaltig geschädigt.
Während der Landwirtschaftlichen Revolution lernten die Menschen nach und nach Getreide und Tiere zu halten. Wobei das auch anders gesehen werden kann. Der Weizen verführte die Menschen sesshaft zu werden. Im Gegenzug konnten sich die Getreide weltweit verbreiten. Genauso sind Zuchttiere im Sinne der Evolution die erfolgreichsten Spezies mit der weitesten Verbreitung. Allerdings verloren sie ihre natürliche Lebensweise und werden nach Bedarf geschlachtet. Die Anzahl der Menschen erhöhte sich in Folge der Landwirtschaftlichen Revolution von 5 bis 8 Millionen auf 250 Millionen. Das bedeutete aber nicht, dass es den einzelnen Menschen damit besser ging. Spätestens seit der Landwirtschaftlichen Revolution entwickelten sich überall Hierarchien, die Menschen aufgrund eher zufälliger Entwicklungen einteilen. Ganz unterschiedliche Unterdrückungssysteme haben sich entwickelt wie das Kastensystem in Indien, die Haltung von afrikanischen Sklaven oder die heutige Einteilung in Arme und Reiche. Alle diese Hierarchien beruhen nicht auf biologischen Unterschieden, sondern sind rein kulturelle Erfindungen. Inwieweit Regeln dabei kultureller Natur sind oder biologisch Ursachen haben, ist nicht immer leicht zu verstehen.
Eine gute Faustregel lautet: »Die Biologie erlaubt, die Kultur verbietet.«
Vorstellungen wie, Frauen müssen Kinder gebären oder gleichgeschlechtliche Beziehungen seien widernatürlich, entspringen eher religiöser Vorstellungen.
Eine unnatürliche Verhaltensweise, die den Gesetzen der Natur widerspricht, kann es gar nicht geben, weshalb es völlig sinnlos ist, sie verbieten zu wollen. Keine Kultur hat sich je die Mühe gemacht, Männern die Photosynthese oder Frauen die Fortbewegung mit Überlichtgeschwindigkeit zu verbieten.
Selbstverstärkende Effekte führen dazu, das die Einteilungen bestehen bleiben. So hat auch heute noch jemand aus einem armen Elternhaus schlechtere Bildungschancen und damit auch schlechtere Aussichten, eine gutbezahlte Position zu erreichen. Während sich viele Hierarchien zufällig entwickelten, gibt es eine Hierarchie, die sich in allen Kulturen etablierte: Die gesellschaftliche Unterdrückung der Frauen. So gibt es unterschiedliche Theorien, die diese Hierarchie biologisch erklären wollen, allerdings hält Harari bei genauerer Betrachtung keine davon für schlüssig.
Die dritte große Revolution ist die Vereinigung der Menschheit. Die entgegen der Annahme, dass die Globalisierung eine recht neue Entwicklung ist, bereits viel früher eingesetzt hat. Das entsprechende Kapitel geht der Frage nach, ob die Geschichte zwangsläufig so ablaufen musste wie sie abgelaufen ist, oder ob nicht auch ein ganz anderer Verlauf möglich gewesen wäre. Der Antrieb für Geschichte ergibt sich nicht nur aus äußeren Zwängen, sondern entwickelt auch eine eigene Dynamik innerhalb einzelner Kulturen.
…, Widersprüche sind unvermeidlicher Teil jeder menschlichen Kultur. Mehr noch, sie sind der Motor der Geschichte …
So geben unsere modernen Staaten die Ziele Freiheit und Gleichheit vor, wobei diese im Widerspruch zu einander stehen. Die Betonung der Freiheit im Kapitalismus führt zu einer Vielzahl armer Menschen, während die Betonung der Gleichheit im Kommunismus zu Diktaturen ohne individuelle Freiheit geführt hat. Über lange Zeiträume betrachtet führt der äußere Druck zu einer immer stärker vereinheitlichten Kultur. Vor 10.000 Jahren lebten die Menschen noch in kleinen Staaten und dachten sie kennen die ganze Welt. Für die Menschen damals war es auch nicht nötig, mehr über die Welt jenseits des eigenen Territoriums zu erfahren. Ein entscheidender Antrieb für die Vereinigung der Menschheit war die Erfindung des Geldes. Länder, in denen noch keine eigene Währung bekannt war, merkten sehr schnell, dass sie für Münzen aus anderen Reichen real Waren eintauschen konnten. Damit gewann das Geld natürlich auch an Wert für die Menschen in angrenzenden Ländern. Geld verbreitete eine große Toleranz. So erkannten muslimische Länder christliche Münzen an und umgekehrt. Die Aussicht damit Waren kaufen zu können genügte, um ein Zahlungsmittel zu akzeptieren. So glaubten immer mehr unterschiedliche Kulturen an denselben Mythos des Geldes. Ein weiterer Faktor war die Bildung großer Reiche, die andere Kulturen schluckten und assimilierten. Die Bräuche aus verschiedenen eroberten Kulturen bildeten eine neue gesamte Kultur eines Großreichs.
So he built his great empire and slaughtered his own kind
— Bad Religion
We’re Only Gonna Die
Ein weiterer Punkt war die Erfindung des Monotheismus. Während die polytheistischen Religionen relativ tolerant zueinander waren und auch Götter untereinander austauschten, gebietet der Glaube an einen einzigen wahren Gott, die einzig wahre Religion zu haben. Damit ist dieser Glaube nicht mit anderen polytheistischen Religionen kompatibel. So gilt die Christenverfolgung im alten Rom als großes Verbrechen. Allerdings hielten sich die Opferzahlen mit einigen Tausend verglichen mit Auseinandersetzungen allein innerhalb des Christentums in Grenzen. Allein im 30-jährigen Krieg sind ein Vielfaches davon ums Leben gekommen. Dieses Verhalten führte zur Durchsetzung der monotheistischen Weltreligionen. Gottgläubige Religionen werden teilweise durch Religionen ohne Gott abgelöst, die dann Ideologien, wie der Humanismus, der Kapitalismus oder Kommunismus genannt werden. Allerdings handelt es sich dabei um nichts anderes als Religionen, die ein universelles Prinzip als natürlich definieren, was aber nichts anderes als eine Erfindung von Menschen ist. Verstörend ist dabei zunächst einmal die Einteilung des Nationalsozialismus als eine humanistische Ideologie. Jedoch strebt der Nationalsozialismus die Weiterentwicklung der eigenen Rasse an und damit die Verbesserung des Menschen. So gesehen lässt sich die Einteilung als humanistische Religion nachvollziehen.
Der vierte Teil ist die Wissenschaftliche Revolution, die sich bis in die heutige Zeit fortsetzt. Angetrieben wird diese durch die Erkenntnis, dass der Mensch noch nicht alles weiß und er durch den Erwerb neuen Wissens Macht erlangen und die Welt seinen Bedürfnissen anpassen kann. Eine große Rolle spielt dabei die Entstehung des Kapitalismus, der es privaten Personen erlaubt Gewinne zu erzielen, wobei die Folgen nicht ausschließlich gut waren. So führte der Kapitalismus zur Versklavung von Afrikanern in Nordamerika oder zur Kolonialisierung des Rests der Welt aus Europa hinaus. Nach der Erfindung der Dampfmaschine machte der Kapitalismus den entscheidenden Unterschied im Eisenbahnbau aus. In den europäischen Staaten entstanden innerhalb weniger Jahre zehntausende Kilometer Schienen, während im Rest der Welt nur einige Hundert Kilometer gebaut wurden. Erst mit der Verinnerlichung des Kapitalismus z. B. in Japan und China entwickelten sich diese Regionen rasant weiter und beanspruchten dann Teile im Rest der Welt.
Die erste nicht-europäische Macht, die eine Militärexpedition auf den amerikanischen Kontinent schickte, war Japan, und zwar während des Zweiten Weltkriegs. Im Jahr 1942 besetzten japanische Soldaten die Inseln Kiska und Attu vor der Küste Alaskas und nahmen zehn Soldaten und einen Hund gefangen. Näher kamen sie dem Festland nie.
Harari weist dem Kapitalismus eine entscheidende Rolle für den Fortschritt zu, ohne dabei die negativen Folgen wie Sklavenhaltung oder Kolonisierung zu verheimlichen.
Das Buch weckte bei mir den Eindruck, dass der Lauf der Geschichte mehr aus natürlichen Bedingungen getrieben wird als das einzelne Personen der Zeitgeschichte einen Einfluss haben. Harari begnügt sich aber nicht damit, Geschichte zu beschreiben. Vielmehr bewertet er im letzten Kapitel auch im Hinblick auf das Glück des Einzelnen. Schon bei der Landwirtschaftlichen Revolution hat er darauf hingewiesen, dass diese keineswegs zu einer höheren Zufriedenheit der Menschen geführt hat. Auch ist nicht klar, ob unsere heutigen wissenschaftlichen Erkenntnisse uns helfen, glücklicher zu sein als Bauern, die an für uns abstruse Götter glaubten.
Then he died a confused man, killed himself with his own mind
— Bad Religion
We’re Only Gonna Die
Immerhin wird anerkannt, dass wir heute unter wesentlich besseren Bedingungen leben als Generationen vor uns, auch wenn uns das oft beim Blick in die Zeitung anders vorkommt. Aber die Anzahl an Kriegstoten, die Kindersterblichkeit und Unterdrückung von Minderheiten waren früher größer. Es bleibt die Angst, die Dinge könnten sich wieder anders entwickeln.
We’re only gonna die (only gonna die)
From our own arrogance
Ich gebe nur ungern Leseempfehlungen, da jeder andere Dinge mag. Eine kurze Geschichte der Menschheit sollte aber tatsächlich jeder lesen, insbesondere die Kapitel über die Rolle der Frauen.
Literatur
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